Home Culture Completely wrong approach to Easter: You havent understood the true meaning of...

Completely wrong approach to Easter: You havent understood the true meaning of books.

1
0

Startseite > Leben > Buchtipps

Stand:

Von: Sven Trautwein

Wer im Dezember – wegen der Statistik – nur noch Novellen liest, hat irgendwo den Sinn des Lesens verloren. Eine Kolumne über das stille Glück des Verweilens.

Berlin – Ostern steht vor der Tür. Die Feiertage kommen – und mit ihnen, zumindest theoretisch, ein bisschen Zeit. Zeit zum Durchatmen. Zeit vielleicht sogar für ein Buch.

Completely wrong approach to Easter: You havent understood the true meaning of books.
Kolumne „Seitenweise Sven“: Schaut man ins Internet, wirkt Lesen wie ein Wettkampf. Dabei soll es Spaß machen. Oder etwa nicht? (Montage) © Montage

Theoretisch.

Praktisch sagt mir Social Media, dass ich noch 123 Bücher lesen müsste, um mithalten zu können. Und während ich das verarbeite, scrolle ich weiter. Frohe Ostern. Irgendwo im Netz fragt jemand: „Wie schafft ihr es, so viele Bücher zu lesen?“ Und dann antwortet das Internet. Einer liest gerade sechs Bücher gleichzeitig – zwei Hörbücher, ein E-Book, einen Manga. Jemand anderes hört Literatur beim Joggen. Auf 1,5-facher Geschwindigkeit, versteht sich.

Ich trinke beim Lesen manchmal Kaffee. Das ist mein Beitrag zur Effizienz.

Bücher sind wie Kalorien

Es begann alles mit Goodreads. Die Plattform für Büchermenschen führte irgendwann die „Reading Challenge“ ein: Wie viele Bücher schaffst du dieses Jahr? Eine unschuldige Frage. Mit verheerenden Folgen. Plötzlich war da dieses Zählen, dieses Abhaken, dieser leichte Schwindel im Oktober, wenn man noch dreiundzwanzig Bücher vom Jahresziel entfernt ist. Menschen lesen seitdem strategisch. Kurze Romane als Punkte-Booster. Jemand hat mir erklärt, er lese im Advent nur noch Novellen. Wegen der Statistik.

Ich habe ihn angeschaut wie einen Mann, der im Urlaub Kalorien zählt.

Dabei ist die Antwort eigentlich simpel: Fünf Bücher von Agatha Christie lesen sich schneller als ein einziger Thomas Mann. Wer drei Monate für „Krieg und Frieden“ braucht, hat dabei vermutlich mehr erlebt als jemand, der in derselben Zeit zwölf Kurzromane weggeatmet hat. Aber das zählt bei keinem Algorithmus. Es gibt keinen Pokal dafür. Keine Bestenliste.

Bücher lesen: Wo bleibt die Lust?

Und genau das ist vielleicht die eigentliche Osterfrage – nicht wie viele Bücher, sondern warum überhaupt. Ostern ist ja traditionell ein Fest des Neuanfangs, der Entschleunigung, des Innehaltens. Ostern ist die Zeit, an der die Norweger Krimis lieben. Ausgerechnet jetzt schickt uns das Netz Leselisten. Ausgerechnet jetzt vergleichen wir. Ausgerechnet jetzt fragt man sich: Wo bleibt eigentlich die Lust?

„Seitenweise Sven“ – der Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter und Sie erhalten „Seitenweise Sven“ direkt in Ihr Postfach. So verpassen Sie keine Ausgabe der Kolumne, in der Sven Trautwein seine Meinung zu kontroversen Themen aus der Literaturwelt preisgibt.

Jetzt kostenlos abonnieren

Jetzt den Newsletter abonnieren
Jetzt den Newsletter abonnieren © IPPEN.MEDIA

Ein Buch ist keine Aufgabe. Es ist eine Einladung – zum Verweilen, zum Innehalten, zum nochmaligen Lesen eines Satzes, weil er einen einfach trifft. Das ist das Beste, was Lesen kann. Und es braucht dafür weder Tempo noch Statistik. Auch keine Feiertage. Aber die helfen.

Lesen Sie so viele Bücher, wie Sie möchten. Oder auch weniger. Brechen Sie ab, was Ihnen nicht gefällt. Lesen Sie das falsche Genre. Lesen Sie langsam. Legen Sie das Buch weg und schauen Sie aus dem Fenster.

Frohe Ostern. Es reicht vollkommen.

Wie halten Sie es mit dem Lesen – genießen Sie es noch, oder hat das Zählen schon begonnen? Ich freue mich über Ihre Meinung. Die Kontaktmöglichkeit finden Sie im Autorenprofil. (str)